Für die Erstellung von Software-Benutzerinformationen sind aus Sicht der technischen Redaktion zwei Normen besonders relevant:
- ISO/IEC/IEEE 26513:2017 Systems and software engineering – Requirements for testers and reviewers of information for users
- ISO/IEC/IEEE 26514:2022 Systems and software engineering – Design and development of information for users
Die beiden Normen, die in englischer Sprache vorliegen, beziehen sich auf „Benutzerinformation“ (original „information for users“, synonym zu gebrauchen zum Begriff „Nutzungsinformationen“, original „information for use“, aus der bekannteren Norm IEC/IEEE 82079-1 Erstellung von Nutzungsinformationen). Die Ansprüche der beiden Normen gehen nämlich über klassische Benutzerhandbücher hinaus. Benutzerinformationen sind alle Informationen, die den Benutzer dazu befähigen, das (Software-)Produkt sicher und effizient zu verwenden. Dieses Konzept umfasst nicht nur Handbücher oder deren PDF-Versionen, sondern auch Informationen, die in der Software-Oberfläche selbst eingebettet sind, sowie Video-Tutorials und Chatbots. Obwohl die Anforderungen an schriftliche Benutzerinformation wesentlich ausführlicher ausfallen, legen die Normen auch Anforderungen für solche interaktiven Arten der Benutzerinformation fest.
ISO/IEC/IEEE 26513 – Die Norm zum Testen und Überprüfen von Software-Benutzerinformationen
ISO/IEC/IEEE 26513 legt Standardprozesse und Mindestanforderungen zum Testen und Bewerten von Software-Benutzerinformationen fest. Laut der Norm lassen sich die geschilderten Prozesse und Anforderungen allerdings auch auf Benutzerinformationen für andere Produkte als Software anwenden.
Die Norm hat das Ziel eine Hilfestellung zu bieten für alle, die (Software-)Benutzerdokumentation testen (original „test“) und überprüfen (original „review“). Sie richtet sich also neben Gutachtern und Erstellern von Usability-Tests auch an Redakteure, die im ganz alltäglichen Erstellungs- und Review-Prozess Benutzerinformationen Korrektur lesen.
Anhang A der Norm enthält zu diesem Zweck einen Leitfaden, der auf wenigen Seiten die Mindestanforderungen an Benutzerinformationen aus der Norm in komprimierter Form auflistet. Das ist besonders interessant für Redakteure, die schnell beurteilen möchten, ob die vorliegenden Benutzerinformationen die Mindestanforderungen der Norm erfüllen.
ISO/IEC/IEEE 26514 – Die Norm zum Erstellen von Software-Benutzerinformationen
ISO/IEC/IEEE 26514 legt einen Standardprozess für die Entwicklung und Erstellung von Software-Benutzerinformationen fest und nennt detaillierte Anforderungen an Gliederung, Inhalt und Format von Software-Benutzerinformationen.
Die Norm richtet sich an alle, die Software-Benutzerinformationen erstellen, so genannte „information designers“ und „information developers“. In dieses Tätigkeitsfeld fallen durchaus die Aufgaben von technischen Redakteuren, aber auch Tätigkeiten von Software-Entwicklern, die elektronische Benutzerinformationen direkt in das Software-Produkt einbetten, sowie technische Illustratoren, die Benutzerinformationen z. B. in Form von Animationen erstellen.
Besonders, was Anforderungen an Gliederung und Formate betrifft, orientiert sich die Norm stark an den Vorgaben aus IEC/IEEE 82079-1. Wer die bekannte Norm zum Erstellen von Nutzungsinformation bei der Erstellung von Software-Benutzerinformationen berücksichtigt, ist also bereits auf dem besten Weg auch die Anforderungen aus ISO/IEC/IEEE 26514 zu erfüllen. Allerdings geht die Norm ISO/IEC/IEEE 26514, gerade was Anforderungen an die Inhalte der Benutzerinformation und der Form der Veröffentlichung betrifft, über die Anforderungen aus IEC/IEEE 82079-1 hinaus.
In der IEC/IEEE 82079-1 sind z. B. konkrete Vorgaben für die Erstellung und Veröffentlichung elektronischer Benutzerinformationen spärlich gesät. ISO/IEC/IEEE 26514 beinhaltet dagegen detaillierte Vorgaben für verschiedene Arten elektronischer Benutzerinformation wie Online-Hilfen und eingebettete Benutzerinformationen, z. B. Tool-Tipps direkt in der Software-Oberfläche. Dabei betont die Norm die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen technischen Redakteuren, die sich mit der Formulierung und Erstellung von Benutzerinformationen auskennen, und den Software-Entwicklern, die das Software-Produkt und damit auch eingebettete Benutzerinformationen programmieren. Die Norm empfiehlt, dass technische Redakteure die Softwareentwickler bei der Erstellung eingebetteter Benutzerinformationen, z. B. bei der Formulierung von Warnhinweisen, die in der Software angezeigt werden, unterstützen.
Auch im Vergleich mit den Mindestanforderungen aus ISO/IEC/IEEE 26513 fallen die Anforderungen aus ISO/IEC/IEEE 26514 detaillierter aus. Beide Normen verlangen z. B., dass referenzielle Informationen als eigene Informationsart von anderen Informationsarten wie Handlungsanweisungen getrennt stehen und einheitlich formatiert werden müssen, aber nur die Norm ISO/IEC/IEEE 26514 nennt spezielle Anforderungen an verschiedene Arten von referenziellen Informationen, z. B. die Beschreibung von APIs.
Die Norm ISO/IEC/IEEE 26513 bietet eine gute Hilfestellung bei der Bewertung von Benutzerinformationen; während der Erstellung der Software-Benutzerinformationen sollte daher aber auch die ISO/IEC/IEEE 26514 berücksichtigt werden.
Trotzdem fallen die Anforderungen der Norm zu einigen Formen von Benutzerinformation etwas spärlich aus. Das betrifft z. B. Anforderungen an KI-Chatbots. Immerhin gibt es aber erste Vorgaben für ihren Einsatz und aufgrund der steigenden Bedeutung dieser Technologie lässt sich annehmen, dass zukünftige Ausgaben der Norm weitere Aussagen zum Einsatz von KI-Tools machen werden, an denen sich Ersteller von Software-Benutzerinformationen orientieren können.
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