Zum Beruf des technischen Redakteurs führen viele Wege, darunter auch virtuelle.

Meinen Weg zur technischen Redakteurin habe ich über eine Weiterbildung gefunden, die nicht als Präsenzunterricht, sondern – vom Praktikum abgesehen – ausschließlich online stattfand.

Das Internet machts möglich!

Jeder Kursteilnehmer der Weiterbildung wurde dazu an einem Standort seines Bildungsträgers mit einem Rechner und einem Headset ausgestattet und konnte so live am Unterricht teilnehmen, obwohl der Dozent und die anderen Kursteilnehmer überall in Deutschland verstreut saßen. Das Internet machts möglich!

An Selbstisolation und Abstandsregeln hat damals noch niemand gedacht. Bei meiner Weiterbildung war das Hauptargument dafür online zu gehen, dass sich online schnell die Mindestteilnehmerzahl für die Kurse zusammengefunden hat – ohne dass die Kursteilnehmer dafür lange Reisezeiten und damit verbundene Kosten und Strapazen in Kauf nehmen müssen.

Wie schnell das gehen kann, wurde mir sofort klar, nachdem ich mich um einen Weiterbildungsplatz beworben hatte. Beim ersten Vorstellungstermin im Hause, bei dem ich mich genauer über den Ablauf der Weiterbildung informieren konnte, wurde mir mitgeteilt, dass noch nicht sicher sei, wann genau der nächste Kurs für technische Redakteure starten würde, da der Beruf noch relativ unbekannt sei, und somit (unverdient) vergleichsweise wenige Interessenten anlockte. Gleich am nächsten Tag erhielt ich jedoch die Nachricht, dass der Unterricht direkt am kommenden Montag starten würde. Wie sich herausstellte, bedurfte es beim Online-Unterricht nur einiger Weniger, die gleichzeitig auf den guten Gedanken kommen, technischer Redakteur zu werden, um einen Weiterbildungskurs ins Leben zu rufen.

Dass dieser Weiterbildungskurs online stattgefunden hat statt in einem Seminarraum, hatte auf die Unterrichtsinhalte und die Prüfungsanforderungen wenig Einfluss, auf andere Aspekte der Weiterbildung dafür umso mehr.

Jeder Unterrichtstag war in zwei Phasen aufgeteilt; vormittags und am frühen Nachmittag wurde der Kurs durch einen Dozenten betreut. Die übrigen Nachmittagsstunden dienten dazu, die während der ersten Phase vermittelten Inhalte nachzuarbeiten und zu vertiefen sowie Hausaufgaben zu erledigen – gerne auch in Zusammenarbeit mit den anderen Kursteilnehmern.

Die Kommunikation untereinander fand dabei fast ausschließlich über Headsets statt, optional unterstützt durch kurze Textmitteilungen. Die Dozenten und die anderen Kursteilnehmer, keiner davon aus einer Stadt in meiner Nähe, lernte ich folglich als entkörperte Stimmen und Benutzer-Icons am Bildschirmrand kennen. Die Icons waren noch dazu recht unauffällig, denn der Großteil des Bildschirms war natürlich für die Bildschirmübertragung von Kursinhalten vorgesehen.

Verloren im Äther

Das alles funktioniert aber natürlich nur, wenn die Technik mitspielt.

Das entscheidende Merkmal des Präsenzunterrichts ist definitiv die Präsenz des Dozenten und aller Kursteilnehmer. Während Präsenzunterricht eventuell aufwendige Anreisen und die Organisation von Übernachtungs- oder sogar Wohnmöglichkeiten erfordert, liefert er doch auch den Vorteil, dass ein Dozent, der physisch anwesend ist, nicht durch technische Probleme verschwinden kann. Der Präsenz-Dozent verschwindet während des Präsenzunterrichts nicht einfach mitten im Satz im Äther, weil der Server die Verbindung zu seiner Existenzebene verloren hat.

Zu Glück fällt es bei einem Online-Seminar schnell auf, wenn der Dozent verschwindet, und die Kursteilnehmer können gemeinsam warten, bis er wiedererscheint. Wenn allerdings ein Kursteilnehmer Verbindungsprobleme hat, kann sich das Ganze etwas komplizierter gestalten. Gerade bei einem längeren Redebeitrag des Dozenten oder einer Projektpräsentation achtet man weniger darauf, ob die Icons der anderen Kursteilnehmer noch sichtbar sind.

Oft passiert es auch, dass ein Kursteilnehmer, der Verbindungsprobleme hat, die geteilten Bildschirminhalte nicht mehr sieht und die anderen Kursteilnehmer nicht mehr hört, aber sein Icon noch minutenlang auf der Bildschirmoberfläche sichtbar ist, als sei der Kursteilnehmer noch anwesend.

Bis dem Dozenten oder einem anderen Kursteilnehmer auffällt, dass der Betroffene nicht mehr reagiert, kann etwas Zeit vergehen. Dann folgt ein kurzes Innehalten während allen Kursteilnehmern bewusst wird, was passiert ist – wie eine Schweigeminute für den Verlorenen. Schließlich stellt jemand die Frage: „Kommt der gleich wieder, oder sollen wir einfach weitermachen?“

Je nachdem wie viel Zeit vergeht, bis die Verbindungsprobleme des Kursteilnehmers gelöst sind, kann es später umständlich sein, die verpassten Inhalte für den Kursteilnehmer zu wiederholen. Aber es ist natürlich auch keine Lösung den Unterricht, für eine halbe Stunde oder gegebenenfalls sogar länger auszusetzen, sollten die Verbindungsprobleme andauern.

In solchen Fällen ist es für den Unterrichtsablauf hilfreich, wenn Kursteilnehmer und Dozenten Mobilfunknummern austauschen, damit man Bescheid geben kann, sobald absehbar ist, dass man länger ausfällt. Unterrichtsinhalt verpasst man dann gegebenenfalls trotzdem.

„Hört Ihr mich?“

Ein weiterer Unterschied zum Präsenzunterricht ist die Art des Feedbacks, die Dozent und Kursteilnehmer während des Seminars erhalten. Zu Beginn einer jeden Präsentation im Online-Seminarraum Raum hört man daher direkt nach der Bildschirmübergabe: “Hört Ihr mich?” “Sieht man schon etwas”?

Egal ob man ein Kursprojekt für die Benotung präsentiert oder nur eine Frage stellen will, man sieht und hört einfach nicht, was die anderen Kursteilnehmer oder der Dozent sehen und hören, geschweige denn, wie sie darauf reagieren. Die Software, mit der sich die Kursteilnehmer und die Dozenten während meiner Weiterbildung online versammelt haben, erlaubte nur zwei Benutzern gleichzeitig über ein Mikrofon zu sprechen. Die anderen Kursteilnehmer waren stumm geschaltet. Einer der beiden Benutzer mit aktiviertem Mikrofon war stets der Dozent. Das zweite Mikrofon wies der Dozent dem Teilnehmer zu, der gerade signalisiert hat, dass er eine Frage hat oder ein Projekt vorstellen möchte.

Das hat den Vorteil, dass Kursteilnehmer nicht durcheinander reden oder sich nicht ins Wort fallen können. Der Nachteil ist, dass ein Kursteilnehmer, solange er das Mikrofon benutzt, kein Feedback von den anderen Kursteilnehmern erhält. Manch einer findet es sicher erleichternd, während einer Präsentation nicht in gegebenenfalls desinteressierte Gesichter blicken zu müssen. Einen anderen kann es aber auch verunsichern, keine direkte Rückmeldung durch z. B. die Körpersprache der Zuhörer zu erhalten.

Aber vor allem für den Dozenten ist es durch den Mangel an Feedback auch schwieriger, zu erkennen, ob ein Kursteilnehmer Probleme hat, dem Unterricht zu folgen.

Präsenzseminare sind da erheblich geselliger und das nicht nur bezogen auf das Feedback zu Präsentationen.

Zwar kann man auch während einer Online-Weiterbildung nach dem Unterricht Kontakte austauschen und sich in Gruppenchats zurückziehen und sich unterhalten. Aber sich gemeinsam zum Mittagessen in die Kantine zu setzen oder am nahegelegenen Imbiss zu treffen, ist schwierig, wenn das Gegenüber 400 km entfernt an einem anderen Standort sitzt.

Dass der persönliche Kontakt eingeschränkt ist, heißt aber nicht, dass in Online-Kursen keine kollegiale Atmosphäre herrschen kann, besonders während der nachmittäglichen Lernphase. Nach meiner Erfahrung findet sich immer ein Ansprechpartner, auch wenn es mal nicht um Unterrichtsstoff geht. Aber gerade auch für den geschilderten Fall, dass durch Verbindungsprobleme ein Kursteilnehmer Inhalte verpasst, war während meiner Weiterbildung immer jemand bereit, die verpassten Inhalte mit dem Betroffenen zu wiederholen – und dabei auch sein eigenes Wissen über das Gelernte zu vertiefen.

Wem es dabei zu laut wird, hat einen Vorteil, den er beim Präsenzunterricht vielleicht ab und zu vermisst: Man kann die anderen Kursteilnehmer einfach mal stummschalten.

Fazit

Die Tatsache, dass die Teilnahme an der Online-Weiterbildung über einen Rechner am Standort des Bildungsträgers erfolgen musste – eine Voraussetzung für die Förderung durch das Arbeitsamt – mag umständlich erscheinen, brachte aber den Vorteil, dass immer ein Ansprechpartner direkt vor Ort verfügbar war, sei es für den technischen Support oder Verwaltungsfragen. So konnten defekte Hardware – wie eventuell ein Headset mit Kabelbruch – direkt ausgetauscht und etwaige Softwareprobleme vor Ort von einem Administrator behoben werden. Derartige Problemlösung gestaltet sich im Home-Office schwieriger, vor allem wenn die nötige Infrastruktur, z. B. für einen Fernzugriff, nicht gegeben ist.

Eine Kursteilnahme vom Home-Office aus war bei meiner Weiterbildung unter bestimmten Voraussetzungen dennoch möglich – z. B. wenn die Anfahrt zum nächsten Standort des Bildungsträgers unzumutbar weit gewesen wäre oder bei Krankheitsfällen. Ein Kursteilnehmer, der sich ein Bein gebrochen hat, kann so weiterhin von zuhause aus am Unterricht teilnehmen, ohne dass sich im Ablauf des Unterrichts für ihn oder den Dozenten irgendetwas ändert.

Man sieht, die Vorzüge des Online-Unterrichts beschränken sich nicht nur auf Möglichkeiten zur Umsetzung von Hygienevorschriften. Online-Unterricht kann erstaunlich flexibel sein und ist vor allem eine Erleichterung für Kursteilnehmer mit eingeschränkter Mobilität, sei es aus Krankheitsgründen oder fehlenden oder unerschwinglichen Pendelmöglichkeiten.

Ob diese Vorzüge den eingeschränkten persönlichen Kontakt und das damit verbundene reduzierte Feedback aufwiegen, muss jeder für sich entscheiden. In jedem Fall geht online nichts ohne funktionierende Technik und technikversierte Dozenten.

Wechselnde Autoren schreiben in unregelmäßigen Abständen Gastbeiträge.